Versöhnung-
ist die möglich?

40 Jahre lang gab es klare Verhältnisse im DDR-Staat: Auf der einen Seite waren die Machthaber und deren Handlanger, die aktiv das sozialistische System unterstützten, die Täter also, auf der anderen Seite die Opposition und die Opfer dieses Systems. Und mittendrin die große Mehrheit, die irgendwie an das sozialistische System glaubte oder sich opportunistisch verhielt. Mit dem Fall der Mauer veränderten sich diese Verhältnisse plötzlich und unerwartet. Für viele war es, als würden sie in ein großes, schwarzes Loch fallen. Alles, woran man bislang geglaubt hatte, wofür man gekämpft und gearbeitet hatte, war plötzlich nichts mehr wert:

  • Es kamen die "Besserwessis", die Besserwisser aus Westdeutschland, und erklärten überheblich: "Eure Fabriken haben keinen Weststandard. Sie müssen geschlossen werden. Eure Produkte sind nicht konkurrenzfähig. Wir müssen sie einstampfen. Euer Schulsystem und eure Ausbildungen sind völlig wertlos. Ihr müsst unser Ausbildungssystem übernehmen....."
    Die Fabriken wurden geschlossen, Arbeitsplätze wurden wegrationalisiert, die Arbeitslosenzahlen stiegen von 0% auf 20-30%. Die Glücklichen, die ihre Arbeit behalten durften, verdienten, - bei gleicher Leistung-, nur 75% von dem, was ein "Wessi" verdiente.
  • Gleichzeitig wurden die Stasi-Archive geöffnet. Jeder hatte nun Zugang zu den heimlichen Akten, die von der Stasi über viele DDR-Bürger angelegt wurden. Viele stellten fest, dass Bekannte oder sogar ihre Verwandten oder Freunde sie jahrelang bespitzelt hatten und heimlich Informationen über sie an die Staatssicherheit geliefert hatten.
  • Als sich die Verhältnisse nach der Wende konsolidiert hatten, entdeckte man, dass etliche von denen, die während der DDR-Zeit eine leitende Stellung innehatten oder Privilegien genossen, auch jetzt wieder eine führende Position und Privilegien bekommen hatten.

In einer solchen Situation fällt es natürlich schwer, an Gerechtigkeit und an Politik oder gar an eine Versöhnung mit seinen früheren Feinden zu glauben.
Deswegen hat man im Ost-Bundesland Mecklenburg-Vorpommern  die sog. "Enquete-Kommission" ins Leben gerufen. Der Auftrag dieser Kommission war es, Beiträge zu einer Aufarbeitung und Bewältigung der DDR-Vergangenheit zu liefern und somit zu einer Versöhnung zwischen den Tätern und Opfern aus der DDR-Zeit beizutragen.

Nachfolgend einige Zitate von Politikern, die in dieser Kommission tätig waren, während einer Debatte mit dem Thema: "Leben in der DDR, Leben nach 1989- Aufarbeitung und Versöhnung".

 

Harald Ringstorff (SPD)
"Die Versöhnung wird nur gelingen, wenn alle die Chance haben, am Aufbau unseres Landes mitzuwirken. ... Und das Ergebnis? Haben wir etwas aufgearbeitet? Haben wir zur Versöhnung beigetragen? Ich denke, wir haben das Ziel nicht erreicht, wir sind ihm aber ein Stück näher gekommen. Wir haben zumindest die Sprachlosigkeit überwunden, die sich nach der Wiedervereinigung bei uns auszubreiten drohte."

Herbert Helmrich (CDU)
"Versöhnung kann am Ende von Aufarbeitung stehen. Versöhnung setzt voraus, dass Gegner oder gar Feinde mit einem offenen Gesicht
aufeinander zugehen. ... , dass wir zumindest zeitweilig in etlichen Punkten füreinander mehr Verständnis aufgebracht haben als vor Beginn unserer Arbeit. Wir haben bei uns selbst angefangen und uns recht offen über unsere Biographien berichtet. ... Wir sind auch durch eigene Schuld ein gebeuteltes Volk, vom Kaiser nach Weimar, von Weimar zu den Nazis und nach dem zweiten Weltkrieg zwölf Millionen Vertriebene, geteilt und jetzt aus zwei Systemen wiedervereinigt."

 

Arnold Schoenenburg (PDS)
"Misst man die Kommission an den Aufträgen... wird man eher von einem Misserfolg sprechen müssen. ... Es gab viel Streit und wenig Übereinstimmung. Zweimal sah es so aus, als sei die Kommission vorzeitig am Ende."

 

Horst Voigt (fraktionslos)
"Alle Parteien  haben versagt, den Opfern wirklich zu helfen.... Die Wahrheit und die Gerechtigkeit sind leider auf der Strecke geblieben. Das ist das nüchterne Fazit der Kommission."

Rainer Prachtl (CDU)
"Wir hatten sehr unterschiedliche Lebenswege unter der Diktatur- teils als Verantwortliche, als Mitverantwortliche, teils als Betroffene, als Opfer. ... Aufarbeitung bedeutet auch Selbstprüfung. ... Dies kann aber nur, ... , durch einen Dialog geschehen, nicht durch Verbitterung, nicht durch "Draufhauen". Dialog heisst nicht, einander Schuldvorwürfe zu machen, sondern gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen."

 

Heidemarie Beyer (SPD)
"Wir sind auf dem Weg. ... Nicht richten, sondern aufrichten, das ist unser Ziel. Deshalb gilt es, die Lebensleistungen der Menschen, die in der DDR gelebt und überlebt haben, anzuerkennen. Dies ist dringend notwendig, um den Menschen in unserem Land das Gefühl zu nehmen, Menschen zweiter Klasse zu sein. Die meisten Menschen brauchen sich ihrer Vergangenheit nicht zu schämen. "

Manfred Rißmann (SPD)
"Gelungen ist uns, den Dialog zwischen verschiedenen Seiten damals und heute Betroffener zu führen. ... Die verschiedenen Entwicklungsetappen der DDR wurden so sehr differenziert betrachtet und auch gewertet. ... Das Anliegen, die jüngste deutsche Geschichte wach zu halten, kann nur nachdrücklich unterstützt werden. ... Nicht gelungen ist der Kommission der Prozess der Versöhnung. Dies kann immer nur sehr persönlich geschehen. Er kann nur als ein persönlicher Akt zwischen Menschen stattfinden, die etwas miteinander abzumachen hatten, ..."

 


zitiert nach: "Mecklenburg-Vorpommern Landtags Nachrichten" Jahrgang 8- Nr.1 -1998