Als ich von der Öffnung der Mauer hörte, ging ich gerade in die 6. Klasse einer - damals noch - Russisch-Schule Namens Edgar-Andre (jetzt: Erich-Fried-Gymnasium), und war einer der fleißigen Thälmann-Pioniere.
An dem darauffolgenden Samstag hatten wir eigentlich Schule. Aber meine Oma kam zu Besuch und so beschlossen wir, uns von ihr durch den Westen führen zu lassen, da sie als Rentnerin auch früher schon in den Westen fahren konnte und sich deshalb dort auskannte.
Da musste ich wohl oder übel die Schule schwänzen und wie ich am nächsten Montag erfuhr, war sowieso mehr als die halbe Klasse nicht in der Schule erschienen.So gingen wir dann zur Warschauer Straße, die ganz bei mir in der Nähe ist und wo auch gleich ein Grenzübergang war. Dort, an der sogenannten Oberbaumbrücke, standen mehrere hundert Leute, die alle in den Westen wollten aber nur einzeln durch die Grenzabfertigung konnten.
Die Abfertigung ging allerdings recht schnell, so dass wir bald an der Reihe waren. An dem Schalter in der dortigen Baracke mussten wir dann die Personalausweise vorlegen. Ich hatte natürlich noch keinen, aber ich stehe ja bei meiner Mutter mit drin. In jeden Personalausweis wurde dann ein Stempel gedrückt und danach durften wir endlich die Grenze passieren.Als wir über die Spree zum anderen Ufer gingen - in den Westen - kam mir alles irgendwie anders, neuer und besser vor, aber wie ich später dann feststellte sah es eigentlich auch nicht anders aus als bei uns. Nur etwas sauberer war es auf den ersten Blick und es fuhren andere U-Bahnen und schöne Westautos herum.
Wir stiegen in die legendäre LINIE 1 und fuhren als erstes zum Nollendorfplatz. Diesen 'Platz' kannten wir aus der Geschichte "Emil und die Detektive" von Erich Kästner, und meine Mutter und ich wollten wissen, wie es da aussieht.
Später gingen wir über einen großen Basar und sahen eine Menge Sachen, die wir nicht, oder nur vom Hörensagen her, kannten. Wir hatten aber nur unser Ostgeld, unsere Aluchips, und konnten daher nichts kaufen. Auf unserem Spaziergang kamen wir immer wieder an HiFi Geschäften vorbei, wo ich mich immer wunderte, dass die Geräte alle im Vergleich zu unseren, so sehr billig waren. Außerdem gab es bei jedem Obst- und Gemüsehändler alles, was man wollte.Schließlich kamen wir dann zum Rathaus Schöneberg wo wir uns eine Bank suchten, um uns die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen. Während wir da standen, war es sehr langweilig. Aber als wir endlich an der Reihe waren, bekamen wir für jede Person 100 DM und die Kinder - also ich - konnten sich noch eine Sparbüchse in Form eines Elefanten aussuchen, den es in verschiedenen Farben gab. Natürlich stand auch der Bankname drauf, aber den weiß ich nicht mehr. Das ist ja auch nicht wichtig. :-))
Später dann, sind wir noch ein bisschen mit der U-Bahn umhergefahren und haben uns die "neue" Stadt genauer angeschaut. Bis auf das Angebot in den Geschäften sah es wirklich nicht anders aus, als bei uns im Osten.
Möchten Sie wissen, wie das Leben vorher in der DDR war, wie das Leben in der BRD nach der Wende war, oder wie das Leben jetzt ist?
Text zur Verfügung gestellt von Stefan Dressler 1998