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Nach der Wende

Millionen Menschen hatten dafür demonstriert, ihre Zukunft selbst bestimmen zu können. Es gab eine nie gekannte Aktivität im Osten Deutschlands. Ein völlig neues Selbstbewusstsein war gewachsen. Die Perspektivlosigkeit war zu Ende. Alternative Ideen wurden entwickelt. Plötzlich wurde mein Leben spannend und interessant. Ich bekam ein anderes Lebensgefühl. Ein Gefühl von Freiheit. Aber was bedeutet die, wenn man nicht richtig damit umgehen kann, wenn man nicht in der Lage ist, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen? Da wurde erstmalig in der deutschen Geschichte der gewaltfreie Sieg über ein autoritäres System errungen. Aber in der Euphorie darüber verschenkte man alle Möglichkeiten. Statt Alternativen auszuprobieren, war die Mehrheit dafür, sich in die Abhängigkeit eines bereits bestehenden Systems, des westdeutschen, zu begeben. Wer konnte die Konsequenzen absehen? Das Schlagwort hieß "Aufarbeitung der Vergangenheit". Dabei saßen die Richter im Westen, und der Osten stellte die Angeklagten. Da frage ich mich, ob die westdeutschen Richter ein objektives Urteil fällen können.

Das Volkseigentum, bestehend aus Betrieben, Immobilien und Grundbesitz fiel zum größten Teil in westliche Hände. Mit der Währungsunion kam die D-Mark .Plötzlich hatte Geld einen ganz anderen Stellenwert. Es wurde zum Maß aller Dinge.

Die Menschen um mich herum veränderten sich. Freunde wurden zu Konkurrenten im Kampf um den Arbeitsplatz. Es entstand ein krankhaftes Streben nach materiellem Besitz und das Bedürfnis, sich mit Statussymbolen wie Auto, Eigenheim, Handy, Video-Kamera, Designer-Klamotten usw. zu umgeben.

Weder will ich die DDR verteidigen, noch will ich sie wiederhaben. Aber das Leben in ihr hat mir oft mehr Spaß gemacht. Abgesehen von der politischen Situation war das Verhältnis der Menschen zueinander, der Umgang miteinander, lockerer und ehrlicher.

Natürlich hat sich auch vieles zum Positiven verändert. Historische Bauwerke, für deren Erhalt es früher weder Geld noch Material gab, haben ihre einstige Schönheit zurückbekommen. Veranstaltungen wie die HANSE-SAIL, die in Rostock schon Tradition hat, wären wegen ihrer Weltoffenheit früher undenkbar gewesen. Der Sohn einer befreundeten Familie absolvierte ein Schuljahr in Amerika - völlig utopisch zu DDR-Zeiten.

Es scheint nichts zu geben, was man nicht kaufen kann. Kurz nach der Wende haftete jedem Supermarkt der Geruch des Paradieses an. Es gab da eine nie gekannte Vielfalt. Aber ich frage mich, wozu dieser ganze Verpackungsmüll gut ist? Er dient doch nur dazu, die Kunden zu täuschen. Und wer will denn schon Erdbeeren im Winter? Die schmecken nur nach Wasser. Ein Leben ohne diese Übertreibungen würde doch nicht zwangsläufig an Qualität verlieren. 

Ein ganz normaler Bürger hat heute genauso wenig Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung wie damals. Aber eins haben wir aus dem Osten denen aus dem Westen voraus: wir wissen wie das geht, ein System zu ändern. Das nächste mal sollte es liberaler, menschlicher und ausländerfreundlicher sein. Dazu ist gerade Deutschland  wegen seiner Geschichte der Welt verpflichtet.

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